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Das wilde Camp - Wenn das Chamäleon zu Tisch kräht

Endlich war es wieder so weit. Meine kleine Tochter und ich sind für ein paar Tage in die „Naturapotheke“ gezogen. Mitten hinein in die Jachenau, auf eine abgelegene Lichtung im Wald, an einen kleinen Fluss, fern von allem, was unseren Alltag sonst so zuverlässig bestimmt.



Herzlich Willkommen im wilden Camp Schild


Für uns war es das zweite Mal im Wilden Camp. Im vergangenen Jahr waren wir zum ersten Mal dort und schon damals wusste ich ziemlich schnell, dass ich wiederkommen möchte. Obwohl uns bei dieser ersten Erfahrung tagelanger Starkregen begleitet hatte, vieles nass, kalt und körperlich wirklich fordernd war, bin ich mit einem Gefühl nach Hause gefahren, das mich selbst überrascht hat. Ich war erschöpft und gleichzeitig tief erholt. Vielleicht gerade deshalb, weil ich meine eigenen Grenzen gespürt hatte und weil ich erleben durfte, dass Erholung nicht immer dort entsteht, wo alles leicht und bequem ist.


Dieses Jahr meinte es das Wetter freundlicher mit uns. Viel Sonne, nur ein kurzer Regen und diese spätsommerliche Wärme, die alles weicher wirken lässt. Das Licht zwischen den Bäumen, den kleinen Fluss, die Feuerstelle, die Gesichter der Menschen. Und obwohl ich diesmal wusste, was ungefähr auf uns zukommt, war da wieder dieses ganz besondere Gefühl beim Ankommen: Jetzt beginnt für ein paar Tage eine andere Zeit.


Eine Zeit ohne Internet, ohne Handy, ohne Termine und ohne dieses ständige Reagieren auf alles, was irgendwo von einem erwartet wird. Stattdessen Wald, Feuer, Wasser, Gemeinschaft und sehr viel mehr Ruhe, als man zunächst überhaupt gewohnt ist auszuhalten.


Denn so schnell, wie man das Handy weglegt, verschwindet der Alltag nicht aus dem Kopf.

Am ersten Tag ist noch vieles da. Gedanken an Zuhause, an Arbeit, an Dinge, die nicht fertig geworden sind. Dieses innere Weiterlaufen, obwohl äußerlich längst alles stiller geworden ist. Und dann sind da die anderen Menschen. Fremde Menschen zunächst. Menschen, von denen man kaum etwas weiß, und vielleicht ist genau das am Anfang auch ein wenig ungewohnt.


Im Alltag begegnen wir uns oft über unsere Rollen. Wir fragen, was jemand arbeitet, woher er kommt, was er macht, was er erreicht hat. Wir sortieren ein, ganz automatisch, oft ohne es überhaupt zu merken.


Im Camp verliert all das erstaunlich schnell an Bedeutung.


Dort sitzt man morgens mit zerzausten Haaren am Feuer, teilt eine Tasse Tee, trägt Holz, hilft beim Kochen oder hört jemandem einfach nur zu. Man weiß vielleicht noch immer nicht genau, was dieser Mensch außerhalb des Waldes beruflich macht. Aber man weiß, wann er lacht. Was ihn bewegt. Wann seine Stimme leiser wird. Ob er gut zuhören kann. Wie er mit Kindern umgeht. Wie er sich einbringt. Wann er Nähe sucht und wann er Stille braucht.

Und plötzlich kennt man nicht den Lebenslauf eines Menschen, sondern ein Stück von ihm selbst.


Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum dort so schnell etwas entsteht, das im Alltag manchmal viel länger braucht: wirkliche Verbindung.




Das wilde Camp Tipi

Wenn aus Fremden ein Stamm wird


Im Wilden Camp geht es viel um Gemeinschaft, um das sogenannte Stammesleben. Das klingt im ersten Moment vielleicht ein wenig groß oder sogar fremd, aber nach ein paar Tagen versteht man, was damit gemeint ist.


Es geht darum, nicht nur nebeneinander zu sein, sondern miteinander.


Darum, zu sehen, was gebraucht wird, ohne dass jede Aufgabe verteilt werden muss. Darum, gemeinsam Essen vorzubereiten, Holz zu holen, Kinder im Blick zu haben, zuzuhören, mitzutragen und sich selbst auch einmal tragen zu lassen.


Und irgendwann ist da dieses eigenartige Gefühl, dass aus Menschen, die sich vorher nicht kannten, tatsächlich für eine kurze Zeit etwas wie ein kleiner Stamm geworden ist.


Ein Stamm, der sich versammelt, wenn das Chamäleon kräht.



Das Chamäleon ist ein kleines Plüschtier auf einem Holzstab, das den Initiator des Camps begleitet. Dieser Stab dient gleichzeitig als Redestab in unseren gemeinsamen Kreisen. Wer ihn hält, hat Raum zu sprechen, und die anderen hören zu.


Wenn der Stamm zusammenkommen soll, hallt ein lautes Krähen durch den Wald.

Dann wissen alle: Es ist Zeit.


Für die Kinder ist dieses Geräusch längst zu etwas ganz Selbstverständlichem geworden. Sie tauchen dann aus dem Wald auf, kommen vom Fluss zurück oder lassen irgendwo ihre gerade erfundene Welt liegen und laufen zur Lichtung.


Und inzwischen scheint dieses Ritual bei meiner Tochter ziemlich tief angekommen zu sein. Seit wir wieder zu Hause sind, sitzt sie am Wohnzimmertisch und kräht, wenn es Essen gibt.


Ich mag diesen Gedanken sehr.


Dass so etwas Kleines mit nach Hause reist - nicht als Souvenir im Rucksack, sondern als Erinnerung, die plötzlich mitten im Alltag wieder auftaucht.



Kinder brauchen weniger, als wir oft glauben


Einer der schönsten Teile dieser Tage ist für mich, meine Tochter dort zu beobachten.


Fünf Tage lang braucht sie kein Plastikspielzeug, keinen Fernseher, kein Tablet, keine digitale Unterhaltung und niemanden, der ständig dafür sorgt, dass bloß keine Langeweile entsteht.


Es gibt Wald.


Wasser.

Stöcke.

Steine.

Erde.

Feuer.

Andere Kinder.


Und plötzlich scheint das mehr als genug zu sein.


Ich beobachte, wie aus einem Ast ein Werkzeug, ein Schatz, ein Zauberstab oder irgendetwas wird, das vermutlich nur Kinder wirklich verstehen. Der kleine Fluss wird zum Abenteuerspielplatz, eine Wurzel zum Sitzplatz, ein Stein zu etwas Kostbarem. Sie finden Dinge, erfinden Spiele, bauen, sammeln, beobachten, streiten, versöhnen sich und finden meistens ganz von selbst wieder in ihr Spiel zurück.


Und mit jedem Tag werden die Kinder freier. Ausgeglichener. Selbstverständlicher in ihrem Tun.


Vielleicht ist es genau diese Freiheit, die man dort so deutlich sehen kann. Nicht ständig angeleitet zu werden. Nicht immer beschäftigt werden zu müssen. Einfach sein zu dürfen und dabei selbst herauszufinden, was gerade wichtig ist.


Uns Erwachsenen zeigt das manchmal ziemlich deutlich, wie viel wir für notwendig halten, das Kinder eigentlich gar nicht brauchen.


Wir füllen Kinderzimmer, planen Aktivitäten, organisieren Beschäftigung und vergessen dabei vielleicht gelegentlich, dass ein Bach und ein paar Stöcke offenbar noch immer eine erstaunlich ernstzunehmende Konkurrenz zur gesamten Unterhaltungsindustrie darstellen.



Die Kreise und das Zuhören


Die gemeinsamen Kreise gehören für mich zu den Momenten, in denen ich am stärksten merke, wie ungewohnt echte Offenheit sein kann. Gerade am Anfang.


Wenn der Redestab weitergegeben wird und es darum geht, das eigene Befinden auszusprechen, sitzt da manchmal noch dieser kleine innere Filter.


Wie viel erzähle ich?

Was denken die anderen?

Ist das gerade wichtig genug?

Kann ich das so sagen?


Im Alltag haben wir so viele geübte Antworten. „Alles gut“ funktioniert erstaunlich zuverlässig, selbst wenn eigentlich gar nicht alles gut ist. Im Camp trägt diese Antwort irgendwann nicht mehr besonders weit.


Man hört anderen zu und merkt, dass jeder etwas mitgebracht hat.


Gedanken.

Fragen.

Zweifel.

Hoffnungen.

Müdigkeit.

Dinge, die noch nachwirken.


Und dann passiert etwas sehr Leises.


Von Tag zu Tag wird es einfacher.


Man spricht freier. Nicht, weil plötzlich jede Unsicherheit verschwunden wäre, sondern weil man merkt, dass man nicht bewertet wird. Dass nicht jede Pause gefüllt werden muss. Dass etwas ausgesprochen werden darf, auch wenn es noch nicht perfekt formuliert ist.

Vielleicht ist genau darin etwas sehr Heilsames.


Nicht darin, Antworten zu bekommen.

Sondern darin, sich selbst zuzuhören, während man spricht.


Und auch darin, von anderen zu hören, wie sie versuchen, sich Ruhe im Alltag zu bewahren, was ihnen hilft, wo sie scheitern, was sie suchen. Diese kleinen Impulse bleiben oft viel länger, als man zunächst denkt. Weil sie nicht wie Ratschläge wirken, sondern wie Gedanken, die sich irgendwo dazulegen dürfen.



Abends am Feuer


Wenn der Tag langsam in den Abend übergeht, verändert sich der Wald.

Das Licht wird weicher, die Geräusche werden weniger, die Luft kühler. Der Fluss rauscht weiter, irgendwo knackt Holz, Rauch zieht durch die Lichtung und setzt sich in Kleidung und Haaren fest.


Dann sitzen wir zusammen am Feuer.


Wir singen.

Wir erzählen.

Wir hören zu.


Manchmal wird viel gelacht, manchmal wird es still.

Und manchmal sitzt man schon im Schlafsack dort, ganz nah am Feuer, und möchte eigentlich gar nicht mehr aufstehen.


Es gibt diese Momente, in denen über uns der Wald dunkel wird und die Funken nach oben steigen, während man einfach nur da sitzt.


Niemand braucht etwas.

Nichts muss erledigt werden.

Kein Termin wartet.

Keine Nachricht blinkt auf.

Kein Gedanke muss unbedingt zu Ende gedacht werden.


Und vielleicht ist genau das inzwischen zu etwas Kostbarem geworden: einfach einmal nirgends anders sein zu müssen.


Ich merke dort immer wieder, wie selten ich mir das im Alltag wirklich erlaube. Nicht nur körperlich irgendwo zu sitzen, sondern auch innerlich dort zu bleiben.



Morgens, wenn der Wald schon wach ist


Auch die Morgen haben etwas ganz Eigenes.


Wenn man aus dem Schlafsack kriecht und die Kühle noch zwischen den Bäumen hängt. Wenn der Tag langsam heller wird, der Fluss längst rauscht und der Wald so selbstverständlich weiterlebt, als hätte er nie etwas anderes getan.


Diese ersten Minuten am Morgen sind still.


Manchmal sitzt man einfach nur da.


Mit einer Tasse in der Hand, etwas verschlafen, noch nicht ganz im Tag angekommen.

Und genau in solchen Momenten merke ich, wie viel Ruhe eigentlich da ist, wenn man aufhört, sie ständig mit etwas zu füllen.


Die Natur fordert nichts von einem.


Sie erklärt nichts.

Sie bewertet nichts.

Sie ist einfach da.


Und vielleicht ist es genau deshalb so leicht, sich selbst dort wieder ein wenig näherzukommen.



Das wilde Camp am Morgen


Selbstfürsorge sieht manchmal anders aus


Ich denke oft darüber nach, was Selbstfürsorge eigentlich wirklich bedeutet.


Im Alltag verbinden wir damit schnell Ruhe, Komfort, Wellness, Rückzug, vielleicht einen freien Nachmittag oder eine Badewanne. All das kann wunderbar sein, aber im Wilden Camp habe ich wieder gemerkt, dass Selbstfürsorge nicht immer bequem sein muss.


Manchmal bedeutet sie auch, die eigenen Grenzen zu spüren.


Sich einer Situation auszusetzen, die ungewohnt ist.


Mit Menschen zu sprechen, obwohl man sich lieber zurückziehen würde.


Still zu werden, obwohl die eigenen Gedanken dann plötzlich lauter werden.


Oder den Körper zu fordern und dabei zu merken, dass er viel mehr kann, als man ihm im Alltag manchmal zutraut.



Gerade das erste Jahr mit dem Starkregen hat mir das sehr deutlich gezeigt. Ich war am Ende müde, wirklich müde. Und trotzdem fühlte ich mich innerlich voller Kraft.


Dieses Jahr war leichter, wärmer, sonniger. Aber auch diesmal war da wieder dieses Gefühl, etwas mit nach Hause zu nehmen, das sich kaum in einen Rucksack packen lässt.



Das wilde Camp - Was bleibt, wenn man wieder fährt


Irgendwann kommt trotzdem dieser Moment, an dem wir unsere Sachen zusammenpacken. Die Schlafsäcke verschwinden wieder in ihren Hüllen, die letzten Dinge werden eingesammelt, die Lichtung wird leerer und aus diesem kleinen Kosmos, der sich für ein paar Tage so selbstverständlich angefühlt hat, wird langsam wieder nur ein Ort im Wald.

Vielleicht ist es genau dieser Übergang, der mich jedes Mal besonders berührt.


Noch einmal das Feuer sehen, noch einmal den Fluss hören, noch einmal die Menschen um sich haben, die vor wenigen Tagen noch Fremde waren und einem inzwischen auf eine ganz eigene Weise vertraut geworden sind. Man verabschiedet sich und weiß gleichzeitig, dass sich diese besondere Nähe im Alltag wahrscheinlich verändern wird. Dass jeder wieder zurückkehrt in seine eigene Welt, in seine Aufgaben, seine Termine, seine Rollen und in all das, was draußen schon gewartet hat.


Und trotzdem nimmt man etwas voneinander mit.


Ein Gespräch vielleicht. Einen Satz. Ein Lachen. Einen Blick am Feuer. Eine Geschichte, die jemand erzählt hat und die noch Tage später im Kopf auftaucht. Oder einfach dieses Gefühl, für einen kurzen Moment wirklich gesehen und gehört worden zu sein, ohne vorher erklären zu müssen, wer man im normalen Leben eigentlich ist.


Als wir aus dem Wald fahren, bekommt irgendwann auch das Handy wieder Empfang. Nachrichten erscheinen, Termine rücken zurück ins Bewusstsein und die Welt beginnt ziemlich schnell wieder damit, sich wichtig zu machen. Fast ein bisschen unverschämt, wie zuverlässig sie darin ist.


Aber irgendetwas in mir ist dann noch still.


Vielleicht bleibt ein Teil von mir noch ein wenig auf dieser Lichtung zurück. Sitzt noch am Feuer, hört den Fluss und wartet darauf, dass irgendwo zwischen den Bäumen das Chamäleon kräht und alle wieder zusammenkommen.


Und vielleicht ist es genau das, was ich aus diesen Tagen am liebsten bewahren möchte: nicht die Vorstellung, man könne dauerhaft so leben, nicht die romantische Idee, einfach alles hinter sich zu lassen und in den Wald zu ziehen. Sondern die Erinnerung daran, dass unter all dem Lärm unseres Alltags noch etwas anderes liegt. Etwas Ruhigeres. Einfacheres. Etwas, das nicht danach fragt, was wir leisten, wie wir wirken oder ob wir gerade genug tun.

Nur danach, ob wir wirklich da sind.


Für uns selbst.

Für die Menschen neben uns.

Für unsere Kinder.


Für diesen einen Augenblick, der vielleicht viel unscheinbarer ist, als all die Dinge, denen wir sonst hinterherlaufen, und am Ende doch viel länger bleibt.


Wenn ich meine Tochter jetzt zu Hause am Tisch krähen höre, muss ich jedes Mal lächeln. Und gleichzeitig liegt darin für mich schon ein kleines bisschen Sehnsucht. Nach dem Wald. Nach dem Feuer. Nach diesen kühlen Morgenstunden. Nach dem Gefühl, nichts verpassen zu können, weil genau dort, wo man gerade ist, alles Wesentliche schon da ist.


Ich weiß, dass wir wiederkommen werden.


Und vielleicht ist es gar nicht der Wald allein, zu dem ich zurückkehren möchte.

Vielleicht ist es auch die Version von mir selbst, die dort zwischen Bäumen, Fluss und Feuer ein wenig leichter zum Vorschein kommt.



Das wilde Camp - der Fluss

Der Satz der mich künftig begleitet:


"Hinterlasse jeden Ort ein kleines Stück besser, als du ihn vorgefunden hast."


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