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Externalisierung von Verantwortung - Wenn immer die anderen schuld sind

vor 13 Stunden
8 Min. Lesezeit

Es gibt Themen, bei denen ich inzwischen merke, dass meine Geduld erstaunlich überschaubar geworden ist. Eines davon ist dieser beinahe schon kunstvolle Umgang mit Verantwortung, den manche Menschen entwickelt haben. Gerade im Arbeitsleben begegnet mir das immer wieder: Entscheidungen werden vertagt, Zuständigkeiten verschwimmen, Rückfragen werden so lange im Kreis geschickt, bis am Ende hoffentlich jemand anderes den entscheidenden Satz sagt, die Freigabe erteilt oder schlicht den Kopf hinhält.


Man könnte fast meinen, Verantwortung sei ein heißes Backblech, das möglichst schnell weitergereicht werden muss, bevor man sich daran verbrennt.


Das Prinzip dahinter ist ziemlich einfach: Wer nichts entscheidet, kann auch keine falsche Entscheidung treffen. Zumindest klingt das zunächst bequem. In der Praxis bedeutet es meistens nur, dass irgendwann jemand anderes entscheiden muss. Funktioniert die Sache, war es anschließend natürlich eine gemeinsame Leistung. Geht sie schief, lässt sich erstaunlich präzise rekonstruieren, wessen Entscheidung es angeblich gewesen ist. Menschen entwickeln dann mitunter ein Erinnerungsvermögen, um das sie jeder Historiker beneiden würde.


Mich stört daran nicht einmal, dass Menschen Fehler machen. Im Gegenteil. Was mich zunehmend nervt, ist diese fast sportliche Disziplin, jeden eigenen Anteil daran möglichst früh aus der Geschichte herauszuschreiben.



Externalisierung von Verantwortung im Arbeitsleben: Bloß nichts selbst entscheiden


Gerade im beruflichen Alltag lässt sich Externalisierung von Verantwortung hervorragend beobachten, weil dort Entscheidungen dokumentiert, Zuständigkeiten verteilt und Ergebnisse sichtbar werden. Eigentlich sollte man meinen, dass genau das Klarheit schafft. Stattdessen scheint es manchmal eher dazu zu führen, dass besonders viel Energie darauf verwendet wird, den eigenen Namen möglichst weit von jeder riskanten Entscheidung entfernt zu halten.


Es wird gefragt, rückversichert, weitergeleitet und noch einmal nachgefragt. Nicht etwa, weil Informationen fehlen oder eine Entscheidung tatsächlich abgestimmt werden muss, sondern weil niemand derjenige sein möchte, der später sagen muss: Das habe ich entschieden.


Diese Haltung wird gern mit Vorsicht verwechselt. Für mich ist sie häufig schlicht Verantwortungsvermeidung mit Büromaterial.


Natürlich gibt es Entscheidungen, die abgesichert werden müssen. Natürlich gibt es Hierarchien, Zuständigkeiten und Grenzen. Aber irgendwann merkt man sehr deutlich, ob jemand sorgfältig arbeitet oder lediglich versucht, sich eine möglichst komfortable Ausgangsposition für den Fall zu schaffen, dass etwas schiefgeht.


Denn dann folgt später nicht: „Das habe ich falsch eingeschätzt.“

Dann folgt: „Mir wurde gesagt, ich soll das so machen.“

Oder: „Ich dachte, das wäre abgestimmt.“

Oder besonders schön: „Dafür war ich eigentlich gar nicht zuständig.“


Offenbar entstehen manche Fehler im Arbeitsleben völlig autonom. Vielleicht nachts. Vielleicht zwischen zwei Outlook-Terminen. Man weiß es nicht genau.



Wer keine Fehler machen will, verhindert oft jede Entwicklung

Was mich an dieser Haltung besonders stört, ist die Idee, dass ein Fehler grundsätzlich etwas ist, das verhindert, versteckt oder möglichst jemand anderem zugeschoben werden muss.


Ich sehe das völlig anders.


Ich habe aus meinen eigenen Fehlentscheidungen vermutlich mehr gelernt als aus vielen Dingen, die problemlos funktioniert haben. Manche Entscheidungen würde ich heute anders treffen, manches habe ich unterschätzt und bei einigen Dingen musste ich rückblickend feststellen, dass meine Einschätzung schlicht falsch war.


Das ist unangenehm, aber auch ausgesprochen nützlich.


Denn erst in dem Moment, in dem ich sagen kann „Das war meine Entscheidung“, kann ich mich ernsthaft fragen, warum ich sie getroffen habe, was ich übersehen habe und was ich beim nächsten Mal anders machen möchte.


Wer dagegen dauerhaft versucht, sich von jeder Verantwortung fernzuhalten, schützt sich vielleicht vor dem unangenehmen Gefühl, falsch gelegen zu haben. Gleichzeitig nimmt er sich aber auch jede Möglichkeit, daran zu wachsen.


Das ist ein ziemlich hoher Preis für ein makelloses Ego.


Fehler sind schließlich kein Beweis dafür, dass jemand unfähig ist. Sie sind häufig schlicht der Beweis dafür, dass jemand überhaupt gehandelt hat. Wer entscheidet, liegt irgendwann daneben. Wer Verantwortung trägt, wird irgendwann etwas falsch einschätzen. Wer nie Fehler macht, hat entweder außergewöhnliches Glück oder trifft verdächtig wenige Entscheidungen.



Wegweiser mit Ausreden nur um keine Verantwortung zu übernehmen


Schuldzuweisung statt Eigenverantwortung: Und plötzlich war es niemand


Besonders interessant wird es, wenn tatsächlich etwas schiefgeht. Dann beginnt manchmal eine Art rückwirkende Verantwortungsarchäologie.


Wer hat was gesagt? Wer wusste wann wovon?

Wer hätte wen informieren müssen?

Wer war zuständig, wer theoretisch zuständig

Wer vielleicht nur am Rande zuständig?


Plötzlich erinnern sich alle sehr genau daran, was sie nicht entschieden haben.

Es ist faszinierend.


Natürlich gibt es Situationen, in denen Abläufe schlecht organisiert sind oder Informationen fehlen. Menschen reden aneinander vorbei, Aufgaben sind unklar verteilt und manchmal ist tatsächlich nicht eindeutig, wer einen Fehler verursacht hat.


Aber der Unterschied zwischen einem ehrlichen „Das habe ich falsch verstanden“ und einem reflexhaften „Das konnte ich gar nicht wissen“ ist meistens ziemlich deutlich.

Das eine übernimmt Verantwortung.


Das andere sucht einen Notausgang.


Und ich habe zunehmend das Gefühl, dass manche Menschen nicht deshalb so große Angst vor Fehlern haben, weil diese besonders schwerwiegend wären, sondern weil sie nie gelernt haben, dass man einen Fehler eingestehen kann, ohne daran persönlich zugrunde zu gehen.



Eigenverantwortung bedeutet nicht, an allem schuld zu sein


Vielleicht liegt genau hier eines der größten Missverständnisse. Verantwortung wird häufig mit Schuld verwechselt.


Wenn ich sage, dass etwas mein Fehler war, erkläre ich mich damit nicht zu einem schlechten Menschen. Wenn ich anerkenne, dass ich in einem Konflikt falsch reagiert habe, bedeutet das nicht automatisch, dass die andere Person vollständig im Recht war. Und wenn ich meinen Anteil an einer Situation erkenne, heißt das nicht, dass alles an mir lag.


Eigenverantwortung bedeutet für mich deshalb nicht: Alles ist meine Schuld. Sie bedeutet: Ich schaue ehrlich darauf, was tatsächlich zu mir gehört.


Das klingt simpel, ist aber erstaunlich anspruchsvoll, weil es zwei Fähigkeiten gleichzeitig verlangt. Man muss bereit sein, eigene Fehler zu sehen, ohne sich selbst dafür zu zerlegen. Und man muss gleichzeitig in der Lage sein, fremde Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört.


Beides gelingt Menschen erstaunlich unterschiedlich gut. Manche übernehmen praktisch gar nichts. Andere übernehmen dafür am liebsten gleich das gesamte emotionale Inventar ihrer Familie mit.



Verantwortung abschieben in Familie und Freundschaften


Denn dieses Muster endet natürlich nicht am Arbeitsplatz. Es zieht sich genauso durch Familien, Freundschaften und Beziehungen, nur dass dort keine E-Mails oder Prozessbeschreibungen helfen, den Überblick zu behalten.


Hier klingt Externalisierung von Verantwortung häufig weicher. Persönlicher. Manchmal sogar erstaunlich emotional.


„Ich habe nur so reagiert, weil du …“

„Du weißt doch, wie ich bin.“

„Nach allem, was ich erlebt habe, kann ich eben nicht anders.“

Oder der Klassiker: „Wenn du dich anders verhalten hättest, wäre es gar nicht so weit gekommen.“


Natürlich beeinflussen wir einander. Natürlich gibt es Verletzungen, schlechte Erfahrungen und Verhaltensweisen anderer Menschen, die etwas in uns auslösen. Ich halte es sogar für wichtig, solche Zusammenhänge zu verstehen.


Problematisch wird es für mich dort, wo aus einer Erklärung eine dauerhafte Entlastung wird.

Unsere Vergangenheit kann erklären, warum bestimmte Muster entstanden sind. Sie erklärt vielleicht Ängste, Rückzug, Wut oder Misstrauen. Aber irgendwann kommt ein Punkt, an dem man entscheiden muss, ob man diese Muster weiterhin nur erklärt oder ob man beginnt, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie man heute mit ihnen umgeht.

Die eigene Geschichte verdient Verständnis.


Aber sie ist kein lebenslang gültiger Haftungsausschluss.



„So bin ich eben“ ist keine überzeugende Lebensstrategie


Ein Satz, bei dem bei mir mittlerweile zuverlässig eine kleine innere Warnleuchte angeht, ist: „So bin ich eben.“


Nicht, weil Menschen sich nicht akzeptieren sollten, sondern weil dieser Satz erstaunlich oft dort auftaucht, wo eigentlich gemeint ist: „Ich habe nicht vor, mein Verhalten zu hinterfragen, also wäre es hilfreich, wenn du dich daran gewöhnst.“


Man sei eben direkt, aufbrausend, unzuverlässig, chaotisch oder schlecht darin, sich zu melden. Gut möglich.


Aber Persönlichkeit erklärt Verhalten. Sie erteilt keine Sondergenehmigung dafür.

Auch der gern bemühten Authentizität wird meiner Meinung nach inzwischen einiges zugemutet. Nicht jede ungefilterte Reaktion ist automatisch besonders ehrlich. Manchmal ist sie einfach ungefiltert.


Wer andere regelmäßig vor den Kopf stößt und anschließend erklärt, er sei eben „brutal ehrlich“, ist möglicherweise nicht außergewöhnlich authentisch. Vielleicht fehlt ihm gelegentlich einfach ein funktionierender innerer Türsteher.


Das darf man zumindest einmal prüfen.



Warum Verantwortung übernehmen so unbequem ist


Ich glaube, dass Verantwortung deshalb so unangenehm sein kann, weil sie unser Selbstbild berührt.


Wir möchten uns gern als fair, vernünftig und reflektiert erleben. Wenn dann eine Situation auftaucht, in der wir selbst egoistisch, feige, bequem, impulsiv oder ungerecht gehandelt haben, passt das nicht besonders gut in dieses Bild.


Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann das Bild korrigieren - der die Realität.


Viele Menschen entscheiden sich erstaunlich kreativ für Letzteres.


Dann wird erklärt, relativiert, begründet und verschoben, bis die eigene Rolle wieder einigermaßen angenehm aussieht. Das Problem ist nur, dass persönliche Entwicklung genau dort aufhört, wo Selbstschutz wichtiger wird als Selbstreflexion. Denn solange ich überzeugt bin, dass meine Entscheidungen grundsätzlich richtig waren und nur die Umstände ungünstig, gibt es für mich nichts zu lernen.



Der eigene Anteil: die unbequemste Frage in Konflikten


Ich habe deshalb irgendwann begonnen, mir in schwierigen Situationen eine Frage zu stellen, die ich nicht immer besonders mag:


Was davon gehört eigentlich zu mir?

Nicht: Wer hat angefangen?

Nicht: Wer hat sich schlimmer verhalten?

Und auch nicht: Wer sollte sich zuerst entschuldigen?


Sondern schlicht die Frage, welchen Anteil ich selbst an einer Situation hatte.


Manchmal ist dieser Anteil gering. Das darf genauso wahr sein. Eigenverantwortung bedeutet nicht, sich reflexartig für jedes Problem zuständig zu erklären. Manchmal muss ich allerdings feststellen, dass ich eine Grenze viel zu spät gesetzt habe, etwas nicht ausgesprochen habe, eine Entscheidung hinausgezögert oder gehofft habe, jemand anderes würde schon merken, was ich brauche. Vielleicht habe ich aus Bequemlichkeit nichts verändert oder aus Angst an etwas festgehalten, das mir längst nicht mehr guttat.

Und manchmal habe ich einfach Mist gebaut.


Auch das darf als vollständige Erklärung einmal ausreichen.


Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass ich mit meinem eigenen Anteil etwas anfangen kann. Ich kann daraus Konsequenzen ziehen, mein Verhalten verändern oder beim nächsten Mal bewusster entscheiden.


Mit der Schuld anderer kann ich dagegen erstaunlich wenig anfangen.

Außer mich darüber aufzuregen.


Darin sind wir Menschen allerdings bemerkenswert ausdauernd.



Wer Verantwortung abgibt, gibt auch Einfluss ab


Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich Eigenverantwortung nicht als Belastung empfinde, sondern zunehmend als Freiheit.


Wenn ausschließlich andere für meine Situation verantwortlich sind, bin ich von diesen Menschen abhängig. Dann kann ich erst zufriedener werden, wenn sie sich anders verhalten. Erst entspannter, wenn sie Rücksicht nehmen. Erst glücklicher, wenn sie sich ändern. Erst frei, wenn sie mich endlich verstehen.


Das ist eine ausgesprochen ungünstige Machtverteilung für das eigene Leben.

Eigenverantwortung bedeutet nicht, alles kontrollieren zu können. Wir haben keinen Einfluss auf jede Situation, auf andere Menschen oder auf das, was uns widerfährt.

Aber wir haben häufig Einfluss darauf, was wir daraus machen.


Das ist weniger spektakulär als die Vorstellung, das gesamte Leben kontrollieren zu können, aber wesentlich realistischer.



Eine gesunde Fehlerkultur beginnt mit einem einfachen Satz


Vielleicht würde sich bereits erstaunlich viel verändern, wenn wir Fehler nicht mehr automatisch als Bedrohung unseres Selbstwertes behandeln würden.


Ein ehrliches „Das war meine Entscheidung und sie war falsch“ empfinde ich inzwischen als wesentlich stärker als eine zwanzigminütige Erklärung darüber, weshalb eigentlich niemand etwas dafür konnte.


Auch ein „Das habe ich unterschätzt“ hat für mich mehr Größe als der reflexhafte Hinweis, dass das schließlich niemand habe vorhersehen können.


Und in persönlichen Beziehungen ist ein schlichtes „Da habe ich dich verletzt“ oft wesentlich wertvoller als die Verteidigung, dass es doch gar nicht so gemeint gewesen sei.

Absicht und Wirkung sind schließlich zwei verschiedene Dinge. Eine Erkenntnis, die erstaunlich hartnäckig versucht, sich der Menschheit zu entziehen.


Eine gesunde Fehlerkultur bedeutet für mich deshalb nicht, Fehler schönzureden. Sie bedeutet, sie anschauen zu können, ohne sofort einen Schuldigen suchen zu müssen.



Persönliche Entwicklung braucht Eigenverantwortung


Vielleicht ist das letztlich der Punkt, der mich an der Externalisierung von Verantwortung so sehr stört.


Sie verhindert Entwicklung.


Solange immer nur die anderen schuld sind, gibt es für mich selbst nichts zu verändern. Dann wechseln vielleicht die Kollegen, Freundschaften, Partner oder Lebenssituationen, aber bestimmte Konflikte tauchen erstaunlich zuverlässig wieder auf.


Wenn sich irgendwann sämtliche Kulissen verändert haben, die Geschichte aber verdächtig ähnlich bleibt, könnte es sich lohnen, einen Blick auf die einzige Person zu werfen, die in jeder Szene anwesend war.


Das ist selten besonders angenehm, aber meistens interessanter als die nächste Schuldzuweisung. Denn Fehler sind nicht das Gegenteil von persönlicher Entwicklung. Sie sind oft genau der Moment, an dem sie beginnt. Vorausgesetzt, wir sind bereit, sie als unsere eigenen zu erkennen.


Denn wer nichts entscheidet, um bloß keinen Fehler zu machen, verhindert am Ende vielleicht tatsächlich eines ziemlich zuverlässig: dazuzulernen.

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