Kognitive Dissonanz - Wenn der Kopf das Herz betrügt
- Anju || Still.Leben

- vor 4 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Warum wir uns selbst so überzeugend anlügen können
Kognitive Dissonanz klingt nach Psychologie-Seminar, Flipchart und Menschen, die Sätze sagen wie: „Das ist evolutionär bedingt.“ Im Alltag fühlt sie sich allerdings ganz anders an. Sie fühlt sich an wie dieses leise Ziehen im Bauch, wenn wir genau wissen, dass etwas nicht zusammenpasst – und trotzdem weitermachen.
Kurz gesagt: Kognitive Dissonanz entsteht, wenn Denken, Fühlen und Handeln nicht dieselbe Sprache sprechen. Und statt das zu ändern, fangen wir an, uns sehr kreative Geschichten zu erzählen.

Kognitive Dissonanz - Ein ganz normales Alltagsphänomen
Ich treffe kognitive Dissonanz ständig. In mir. Und überall sonst.
Zum Beispiel hier:
Ich weiß, dass mir etwas nicht guttut – und tue es trotzdem.
Ich merke, dass eine Situation schief läuft – und erkläre mir, warum sie „eigentlich gar nicht so schlimm“ ist.
Ich bleibe irgendwo, obwohl mein Bauch längst gekündigt hat – und rede mir ein, dass ich nur „zu sensibel“ bin.
Das Spannende: Unser Gehirn hasst innere Widersprüche. Also löst es sie. Nicht unbedingt sinnvoll – aber effizient.
Warum wir lieber uns verbiegen als unsere Realität
Wenn zwei Dinge nicht zusammenpassen – zum Beispiel „Ich halte mich für reflektiert“ und „Ich handle gerade komplett gegen meine Werte“ – entsteht Spannung. Diese Spannung ist unangenehm. Also muss sie weg.
Und jetzt kommt der Trick: Es ist viel einfacher, die Geschichte zu ändern als das Verhalten.
Also denken wir Dinge wie:
„So schlimm ist das doch gar nicht.“
„Andere machen das auch.“
„Ich habe gerade keine andere Wahl.“
„Ich übertreibe bestimmt.“
Herzlichen Glückwunsch – kognitive Dissonanz erfolgreich beruhigt. Problem gelöst. Naja. Gefühl zumindest gedämpft.
Kognitive Dissonanz ist kein Zeichen von Dummheit
Ganz wichtig: Das passiert nicht, weil wir irrational sind. Sondern weil unser Gehirn auf Energiesparen und Selbstschutz programmiert ist.
Verhalten zu ändern kostet:
Mut
Konsequenzen
Reibung
manchmal Verlust
Eine Geschichte zu ändern kostet:
einen Gedanken
ein Schulterzucken
ein inneres „Wird schon“
Rein energetisch ist die Sache also klar.
Der Preis, den wir dafür zahlen
Kognitive Dissonanz verschwindet nicht wirklich. Sie wird nur leiser.
Und äußert sich dann gerne als:
diffuse Unzufriedenheit
innere Erschöpfung
Gereiztheit
das Gefühl, sich selbst nicht mehr ganz ernst zu nehmen
Je länger wir sie ignorieren, desto mehr Energie kostet das Verdrängen. Das Gehirn muss ständig nachjustieren, rechtfertigen, relativieren.
Anstrengend. Aber immerhin vertraut.
Warum Erkenntnis allein nicht reicht
Das Gemeine: Wir können kognitive Dissonanz intellektuell komplett verstanden haben – und trotzdem mitten drinstecken. Denn sie löst sich nicht durch Wissen, sondern durch Kongruenz. Also dadurch, dass Denken, Fühlen und Handeln wieder näher zusammenrücken.
Das muss kein radikaler Umbruch sein. Manchmal reicht es schon, innerlich ehrlich zu sagen: „Ja. Das fühlt sich gerade wirklich nicht stimmig an.“
Ohne es sofort zu reparieren.
Mein persönlicher Umgang damit
Ich habe aufgehört, mich dafür zu verurteilen. Stattdessen frage ich mich heute:
Wo erkläre ich mir gerade etwas schön?
Wo halte ich an einer Geschichte fest, damit ich nichts verändern muss?
Und was würde passieren, wenn ich mir einfach glaube?
Nicht jede Antwort führt
Zum Schluss (zynisch, aber ehrlich)
Kognitive Dissonanz ist kein Fehler im System. Sie ist das System.
Die Frage ist nicht, ob wir uns selbst belügen. Sondern, wie lange wir es tun – und zu welchem Preis.
Manchmal ist die ehrlichste Lösung nicht, sofort alles zu ändern. Sondern aufzuhören, sich selbst für dumm zu verkaufen.
Das ist unbequemer als jede Ausrede. Aber deutlich entspannender auf Dauer.





Kommentare