Kräuter und Pilze sammeln im Spätsommer – ein Familienritual am Tegernsee
Der Spätsommer am Tegernsee hat seine ganz eigene Stimmung. Die Tage sind oft noch warm, doch am Morgen liegt bereits eine feine Kühle über den Wiesen, und manchmal zieht ein leichter Dunst über das Wasser, bevor die Sonne hinter den Bergen hervorkommt. Das Licht wirkt weicher als noch einige Wochen zuvor, beinahe golden, und selbst an hellen Tagen liegt schon eine leise Ahnung von Herbst in der Luft.
Es ist die Zeit, in der es uns besonders oft nach draußen zieht. Nicht unbedingt zu einer großen Wanderung und selten mit einem strengen Plan, sondern einfach in den Garten, an die Wiesenränder oder in die Wälder rund um den See. Manchmal führt uns der Weg in Richtung Wallberg, manchmal bleiben wir ganz in der Nähe, dort, wo wir die kleinen Pfade, Lichtungen und Waldränder seit Jahren kennen.

Mit dabei sind unsere kleine Tochter, ein Korb, ein Messer, eine Schere und meist die Vorstellung, wir würden nur eine Weile unterwegs sein. Erfahrungsgemäß ist das eine eher optimistische Einschätzung.
Mit einem Kind kommt man selten auf direktem Weg irgendwo an. Da muss ein besonders schöner Stein betrachtet, eine Hummel beobachtet oder ein Ast mitgenommen werden, dessen Bedeutung sich für Erwachsene nicht sofort erschließt. Ein Spinnennetz im Gegenlicht kann einen ganzen Spaziergang aufhalten, ebenso ein Käfer, eine Feder oder ein Blatt, das angeblich aussieht wie ein Herz.
Früher hätte ich solche Unterbrechungen vielleicht als Verzögerung empfunden. Heute glaube ich, dass sie der eigentliche Grund sind, weshalb diese Nachmittage so besonders werden.
Sammeln mit allen Sinnen und das Leben entdecken
Wir ernten Salbei, Thymian, Minze und Zitronenmelisse, schneiden Oregano und Majoran und schauen, was die letzten warmen Wochen noch hervorgebracht haben. Manche Kräuter wachsen bei uns im Garten, andere finden wir an vertrauten Stellen unterwegs. Dabei sammeln wir nur, was wir sicher kennen und auch wirklich verwenden können.
Unsere Tochter möchte jedes Kraut anfassen, daran riechen und wissen, wie es heißt. Sie streicht über die samtigen Blätter des Salbeis, zerreibt ein wenig Thymian zwischen den Fingern und hält uns die Minze unter die Nase, als hätte sie gerade etwas entdeckt, das vor ihr noch niemand bemerkt hat.
Für sie sind Kräuter noch keine Zutaten, kein Hausmittel und kein Vorrat für den Winter. Sie sind etwas Lebendiges, das einen eigenen Duft, eine eigene Form und einen eigenen Platz hat. Vielleicht ist genau das die schönste Art, Pflanzen kennenzulernen. Nicht über eine Liste von Eigenschaften, sondern über die Hände, die Nase und die Erinnerung an einen bestimmten Ort.
Während wir sammeln, erzählen wir ihr, was später aus den Kräutern wird. Die Minze kommt in den Tee, der Thymian in die Küche, Salbei bewahren wir für die kalte Jahreszeit auf und Oregano trägt noch Monate später den Geschmack des Sommers in sich.
Pilzsuche - eine alte Familientradition
Doch im Spätsommer zieht es uns nicht nur zu den Kräutern. Sobald die ersten Pilze aus dem Waldboden wachsen, beginnt für uns eine weitere Zeit, auf die wir uns jedes Jahr freuen - das Pilze sammeln am Tegernsee.

Pilze sammeln gehört zu unserer Familie, solange ich zurückdenken kann. Mein Mann und ich waren schon als Kinder mit unseren Eltern und Großeltern im Wald unterwegs. Wir haben gelernt, langsam zu gehen, genau hinzusehen und nicht bei jedem braunen Hut sofort begeistert den Korb zu öffnen. Eine Fähigkeit, die im Pilzwald durchaus lebensverlängernd sein kann.
Wir erinnern uns an feuchte Waldwege, an Moos unter den Schuhen und an die geduldigen Erklärungen der Erwachsenen. Welcher Pilz stehen bleiben muss, woran man bestimmte Arten erkennt, wie sie riechen, wo sie besonders gern wachsen und weshalb man sich niemals auf eine einzige Eigenschaft verlassen sollte.
Dieses Wissen wurde nicht in einer Unterrichtsstunde vermittelt. Es entstand über viele Jahre, durch Wiederholung, Erfahrung und das gemeinsame Unterwegssein. Man lernte, indem man mitging, fragte, verglich und manchmal auch enttäuscht zusah, wie ein vermeintlicher Fund wieder zurück auf den Waldboden gelegt wurde.
Heute geben wir dieses Wissen an unsere Tochter weiter.
Noch ist sie klein, und natürlich geht es nicht darum, dass sie Pilze selbstständig bestimmt. Sie lernt zunächst, dass sie nichts allein pflücken oder anfassen soll und dass nur Pilze mitgenommen werden, die wir zweifelsfrei erkennen. Sie sieht, wie wir den Fund vorsichtig aus dem Boden lösen, ihn betrachten und gemeinsam überlegen, ob er tatsächlich in den Korb gehört.
Sie entdeckt Pilze, an denen wir vielleicht vorbeigegangen wären, weil Kinder näher am Boden und offenbar mit einem eingebauten Suchmodus ausgestattet sind. Dann ruft sie uns aufgeregt, bleibt davor stehen und wartet darauf, dass wir kommen.
Manchmal ist es ein schöner Speisepilz. Manchmal nur ein Stück Rinde. Manchmal ein Blatt, unter dem ihrer Meinung nach mit Sicherheit noch ein Pilz wachsen müsste.
Und manchmal findet sie tatsächlich einen, den wir übersehen haben.
Waldpilzsuche als Entschleunigung - Pilze sammeln am Tegernsee
Pilze sammeln bedeutet für uns nicht, möglichst schnell einen vollen Korb nach Hause zu tragen. Es geht um das Suchen selbst, um die Ruhe im Wald und um diesen besonderen Blick, der sich nach einer Weile einstellt. Plötzlich sieht man nicht mehr nur Bäume und Boden, sondern kleine Veränderungen im Moos, Erhebungen unter dem Laub und Farben, die vorher zwischen Braun und Grün verschwunden sind.
Die Wälder rund um den Tegernsee fühlen sich in dieser Zeit anders an als im Hochsommer. Es riecht nach feuchter Erde, Fichtennadeln und Moos. Das Licht fällt nur stellenweise durch die Baumkronen, und irgendwo rauscht ein Bach oder knackt ein Ast. In der Ferne hört man manchmal die Glocken der Kühe von den höher gelegenen Wiesen, während unten im Wald eine ganz andere Form von Stille herrscht.
Es ist keine leere Stille. Sie ist voller Geräusche, nur eben ohne Lärm.
Unsere Tochter läuft zwischen uns, stellt Fragen und erzählt Dinge, die mit Kräutern oder Pilzen meist nur sehr entfernt zu tun haben. Und während wir gemeinsam suchen, entstehen Gespräche, für die im Alltag oft kein Platz bleibt. Ohne Blick auf die Uhr, ohne Ablenkung und ohne das Gefühl, dass jetzt unbedingt etwas Sinnvolles geschehen müsste - und vielleicht ist genau das das Sinnvolle.
Die Kräuter- und Pilzsuche ist mit der Zeit zu einem Familienritual geworden. Nicht zu einem, das wir geplant oder feierlich beschlossen hätten. Es hat sich einfach entwickelt, wie viele Dinge, die später wichtig werden.
Wir gehen los, wenn das Wetter passt, wenn die ersten Pilze gemeldet werden oder die Kräuter noch einmal kräftig duften. Manchmal kommen wir mit gut gefüllten Körben zurück, manchmal mit nur wenigen Funden. Die Enttäuschung darüber hält meist nicht lange, denn auch ein leerer Korb bedeutet nicht, dass der Nachmittag vergeblich war.
Bewuste und achtsame Ernte
Diese Vorstellung, jeder Ausflug müsse ein sichtbares Ergebnis hervorbringen, ist ohnehin eine sehr menschliche Marotte. Der Wald zeigt sich davon erfreulich unbeeindruckt.
Beim Sammeln achten wir darauf, nur so viel mitzunehmen, wie wir brauchen. Kräuter werden nicht vollständig abgeschnitten, Pilze nicht wahllos herausgerissen und unbekannte Arten bleiben dort, wo sie wachsen. Unsere Tochter lernt dabei ganz selbstverständlich, dass die Natur kein Selbstbedienungsladen ist, auch wenn Erwachsene sich gelegentlich so benehmen.
Ernten heißt hinzusehen.
Was ist reif?
Was kennen wir wirklich?
Was können wir verwenden?
Und was sollte bleiben?
Im Spätsommer werden diese Fragen besonders spürbar, denn die Natur beginnt bereits, sich langsam zurückzuziehen. Die Kräuter verlieren irgendwann ihre Kraft, die Tage werden kürzer, und auf den höheren Lagen rund um den Wallberg zeigt sich manchmal schon früh die erste herbstliche Veränderung.
Was jetzt duftet, wächst und gefunden werden kann, wird nicht endlos verfügbar bleiben. Vielleicht liegt gerade darin ein Teil seiner Kostbarkeit.
Zu Hause breiten wir die Kräuter auf dem Tisch aus, sortieren sie und binden einige zu kleinen Bündeln. Andere werden frisch verarbeitet oder eingefroren. Die Küche riecht in diesen Tagen nach Minze, Salbei, Thymian und manchmal nach dem feuchten Waldboden, den wir mit unseren Schuhen zuverlässig ins Haus getragen haben.
Die Pilze werden noch einmal sorgfältig kontrolliert und geputzt. Unsere Tochter hilft, solange ihre Geduld reicht, was meist kürzer ist als unsere Begeisterung für saubere Pilze. Danach findet sie etwas anderes, das plötzlich dringend erledigt werden muss.
Später stehen die Gläser mit den getrockneten Kräutern im Regal, und aus den Pilzen wird eine Mahlzeit, die nach Wald, Spätsommer und Kindheit schmeckt. Dann sitzen wir gemeinsam am Tisch, und manchmal erzählen mein Mann und ich unserer Tochter von den Menschen, mit denen wir früher sammeln waren. Von unseren Eltern und Großeltern, von den Wegen, die wir als Kinder gegangen sind, und von den Regeln, die wir damals gelernt haben.
In solchen Momenten wird mir bewusst, dass wir nicht nur Wissen weitergeben.
Weitergabe von Tradition, Wissen und Werten
Wir geben Erinnerungen weiter, eine bestimmte Art hinzusehen und vielleicht auch das Gefühl, dass man Teil von etwas ist, das schon vor einem selbst begonnen hat.
Unsere Tochter wird sich später vermutlich nicht an jeden einzelnen Pilz erinnern. Sie wird nicht mehr wissen, an welchem Nachmittag die Minze besonders stark geduftet hat oder wann wir am Waldrand länger nach einem verlorenen Handschuh gesucht haben als nach Pilzen.
Aber vielleicht bleibt ihr das Gefühl dieser Tage.
Der Geruch nach Moos und feuchter Erde. Die Sonne zwischen den Bäumen. Der Blick hinunter zum See. Die vertrauten Stimmen der Eltern und die Freude darüber, etwas selbst entdeckt zu haben.
Vielleicht wird sie eines Tages mit ihren eigenen Kindern durch einen Wald gehen, langsamer werden und sich daran erinnern, dass unter dem Laub manchmal mehr verborgen liegt, als man auf den ersten Blick sieht.
Und vielleicht ist das die eigentliche Ernte dieser Nachmittage.
Nicht nur Kräuter und Pilze, sondern Wissen, Nähe und Erinnerungen, die von einer Generation zur nächsten weiterwandern.






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