Traumberuf: Achtsamer Influencer oder nicht?
- Anju || Still.Leben

- 15. März
- 2 Min. Lesezeit
Wie wir gelernt haben, in Hashtags zu denken
Willkommen im Jahr 2026. Wo selbst Gedanken erst algorithmustauglich sein müssen, bevor sie existieren dürfen. Ich blogge gerne und liebe die Arbeit im Internet - aber an dieser Stelle muss ich auch das mal ganz offen reflektieren und hinterfragen.

Bild von Gerd Altmann
Vom Inhalt zur Verpackung – in unter 30 Sekunden
Es ist faszinierend. Da schreiben wir lange, differenzierte Blogartikel über Beziehung, Achtsamkeit, Gesellschaft, Kinder, Heilung, Sinn. Wir wägen Worte ab, formulieren sorgfältig, denken komplex. Und dann?
Dann kommt die eigentliche Kernfrage: „Wie verpacken wir das so, dass es klickt?“
Nicht: Ist es wahr? Ist es wichtig? Ist es ehrlich?
Sondern: Ist es speicherbar? Ist es teilbar? Ist es algorithmisch verwertbar?
Wir leben in einer Zeit, in der selbst Tiefgang eine Thumbnail-Strategie braucht.
15 Hashtags und bitte ein bisschen Gefühl
Es ist nicht einmal böse gemeint. Wir alle spielen das Spiel.
Wir wissen, dass Inhalte ohne Sichtbarkeit versanden. Wir wissen, dass gute Texte ohne Reichweite niemanden erreichen. Und wir wissen, dass Reichweite inzwischen eine eigene Währung ist. Also optimieren wir.
Ein bisschen Provokation. Ein bisschen Nähe. Ein paar Emojis für die Wärme. Ein klarer Call to Action, damit niemand vergisst, was er jetzt fühlen, denken oder klicken soll.
Und irgendwo zwischen #GanzheitlichLeben und #Selbstfürsorge verlieren wir manchmal das, worum es eigentlich ging.
Das eigentliche gesellschaftliche Problem
Das Problem ist nicht Instagram. Nicht Marketing. Nicht einmal der Algorithmus.
Das Problem ist, dass wir begonnen haben, uns selbst durch diese Linse zu betrachten.
Wir denken in Hooks.
Wir sprechen in Zitatformaten.
Wir fühlen in Story-Sequenzen.
Wir fragen uns nicht mehr: Was bewegt mich wirklich?
Sondern: Wie kann ich das so formulieren, dass es Engagement bringt?
Das betrifft nicht nur Influencer. Es betrifft Coaches. Eltern. Unternehmer. Aktivisten. Therapeuten. Uns alle.
Wir stehen ständig zwischen Echtheit und Optimierung. Und je bewusster wir sein wollen, desto professioneller wird unsere Selbstinszenierung.
Traumberuf: Achtsamer Influencer - Die Ironie der Achtsamkeit im Feed
Besonders spannend wird es, wenn es um Themen wie Bewusstsein, Bindung oder gesellschaftliche Verantwortung geht.
Wir sprechen über Entschleunigung – im 30-Sekunden-Reel.
Wir sprechen über Tiefe – in der Caption unter 2.200 Zeichen.
Wir sprechen über Präsenz – und überprüfen währenddessen unsere Reichweite.
Das ist kein Vorwurf -es ist eine Diagnose.
Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie. Und Aufmerksamkeit ist das knappste Gut unserer Zeit.
Und jetzt?
Sollen wir aufhören zu posten? Sollen wir Hashtags verbrennen und kollektiv in analoge Tagebücher flüchten? Wahrscheinlich nicht.
Vielleicht beginnt es einfach mit Ehrlichkeit.
Ja, wir wollen Reichweite.
Ja, wir möchten gelesen werden.
Ja, wir formulieren strategisch.
Aber vielleicht dürfen wir uns immer wieder fragen:
Dient der Post dem Inhalt – oder dient der Inhalt nur noch dem Post?
Wenn wir anfangen, diese Frage ehrlich zu stellen, verändert sich etwas.
Vielleicht werden Texte wieder ein wenig roher.
Vielleicht weniger glatt. Vielleicht weniger perfekt. Aber echter.





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