Zwischentöne: Sechs Fragen an Jennifer Jenke
- Anju || Still.Leben

- vor 11 Minuten
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Wer ist Jennifer Jenke
Jennifer Jenke ist Ehefrau, Mutter eines Sohnes und lebt heute im Münsterland, nachdem sie ursprünglich aus dem Ruhrgebiet kommt. Als Kind aus einer suchtbelasteten Familie schreibt sie über Kindheit, emotionale Vernachlässigung, Bindung, Überlebensstrategien und die oft unsichtbaren Folgen davon, erwachsen werden zu müssen, bevor man überhaupt Kind sein durfte.
Ihre Texte entstehen im Alltag, in der Mutterschaft, in Erinnerungen und in diesem Moment, in dem man merkt, dass vieles, was früher „normal” war, vielleicht nie normal gewesen ist.
Dabei geht es ihr nicht darum, perfekt oder geheilt zu wirken, sondern ehrlich zu sein. Roh manchmal. Ironisch. Beobachtend. Und oft näher an Dingen, die viele denken, aber kaum jemand ausspricht.
Auf Instagram schreibt sie unter dem Namen @wo.efeu.waechst über genau diese Themen.
Persönliche Texte, Symbolik und die Idee, dass selbst an kaputten Orten noch etwas wachsen kann. Gleichzeitig arbeitet sie an einem autobiografischen Roman über Kindheit, Trauma, Liebe und die Frage, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn man lernen musste, zu überleben, bevor man leben durfte.
Vor allem aber ist Jennifer jemand, der versucht, etwas weiterzugeben, das sie selbst lange vermisst hat: emotionale Sicherheit.
1. Was beschäftigt dich gerade am meisten?
Wahrscheinlich, wie sehr Nähe und Verlust miteinander verknüpft sind, und wie Menschen, die einem wichtig sind, plötzlich aus der Gegenwart verschwinden können – selbst wenn man sich sicher fühlt. Es beschäftigt mich, wie man in solchen Momenten noch versucht, normal weiterzumachen, Verantwortung zu tragen, sich selbst zu halten, während gleichzeitig dieses leise Ziehen bleibt, das man aus der Kindheit kennt. Mich beschäftigt gerade viel dieses Spannungsfeld zwischen dem, was man gibt, und dem, was einem genommen wird, zwischen Nähe zulassen und sie wieder verlieren.
2. Was hat dich in den letzten Jahren besonders geprägt?
Mutter zu werden. Definitiv. Ich glaube, nichts hat mich so sehr mit mir selbst konfrontiert wie das. Nicht dieses romantisierte „Kinder heilen alles”, eher das Gegenteil manchmal. Ein Kind hält dir Dinge hin, die du vorher irgendwie wegerklären konntest. Plötzlich steht da ein kleiner Mensch vor dir und vertraut dir selbstverständlich und genau dadurch versteht man manchmal erst, was einem selbst gefehlt hat. Gleichzeitig hat mich Schreiben geprägt. Nicht als Hobby, sondern eher als eine Art, Dinge überhaupt greifen zu können, die lange keinen richtigen Platz hatten.
3. Was sollte man dich unbedingt einmal fragen – tut es aber nie?
Nicht nur, was passiert ist. Sondern wie es sich angefühlt hat, danach weiter ganz normal zu funktionieren. Menschen interessieren sich oft für die spektakulären Teile einer Geschichte, aber selten für das, was danach kommt. Für dieses seltsame Dazwischen. Einkaufen gehen, lachen, Mutter sein, Alltag leben und gleichzeitig merken, dass der eigene Körper manche Dinge bis heute nicht vergessen hat. Viele fragen nach dem „Warum bist du so geworden?”. Wenige fragen, wie viel Kraft es kostet, trotzdem weich zu bleiben.
4. Was gibt dir Energie?
Echte Verbindung. Gespräche, in denen niemand versucht, perfekt zu wirken. Schreiben. Musik. Mein Sohn. Diese kleinen Momente, die von außen völlig unspektakulär aussehen und einen innerlich trotzdem komplett treffen können. Und tatsächlich auch Kreativität allgemein. Dinge erschaffen zu können, Worte, Bilder, Ideen, gibt mir oft mehr Energie zurück, als es mich kostet.
5. Was sollten mehr Menschen ausprobieren?
Ehrlichkeit ohne Inszenierung. Nicht dieses soziale „Ich bin heute einfach mal authentisch”, während daneben schon die perfekte Bildunterschrift wartet. Sondern echte Ehrlichkeit. Zugeben, dass man überfordert ist. Dass man widersprüchlich ist. Dass Heilung nicht linear verläuft und man manchmal gleichzeitig stark und komplett erschöpft sein kann. Ich glaube, viele Menschen wären überrascht, wie viel Nähe entsteht, sobald jemand aufhört, nur die polierte Version von sich zu zeigen.
6. Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen?
Du bist nicht zu empfindlich. Nicht zu schwierig. Nicht „anstrengend”. Du bist ein Kind gewesen, das versucht hat, in Umständen zu überleben, die kein Kind tragen sollte. Und nur weil andere etwas normal genannt haben, bedeutet das nicht, dass es gesund war. Ich würde ihr wahrscheinlich auch sagen, dass sie später einmal Menschen finden wird, bei denen sie nicht permanent auf Alarm sein muss. Dass Ruhe und Sicherheit nicht dasselbe sind und dass sie irgendwann lernen darf, den Unterschied zu fühlen.
Herzlichen Dank, liebe Jennifer für das Teilen deiner Zwischentöne.





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