Ü40 - das Leben & ich
- Anju || Still.Leben

- vor 6 Stunden
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Es gab mal eine Zeit, da hatte ich eine sehr klare Vorstellung davon, wie mein Leben mit 40 aussehen würde.
Also wirklich klar.
Glasklar.
So klar, wie man sich das Leben eben vorstellt, wenn man Anfang 20 ist und noch glaubt, dass ein Fünfjahresplan etwas ist, woran sich das Leben höflich hält. Ich war damals jung, ambitioniert und vermutlich auch ein bisschen größenwahnsinnig, aber auf diese charmante Art, wie man es eben ist, bevor einem das Leben zeigt, dass es keinen Kalender führt, keine To-do-Listen respektiert und ganz sicher keine Rücksicht auf irgendwelche Vision Boards nimmt.
In meinem Kopf war es ganz einfach: Meine Tochter wird 18. Ich bin dann Anfang 40. Sie ist groß. Ich bin frei. Und dann, ja dann, mache ich einfach nahtlos da weiter, wo ich mit 22 aufgehört habe.
Klingt logisch, oder?
Einfach kurz 18 Jahre Mutter sein, Kind großziehen, Verantwortung tragen, arbeiten, funktionieren, Wäscheberge bekämpfen, Elternabende absitzen, Butterbrotdosen füllen, Fieber messen, Pubertät überleben – und danach zurück auf Start. Als wäre nichts gewesen. Als würde irgendwo mein 21-jähriges Ich in einer Bar sitzen, mit einem Drink in der Hand, perfekt erhalten, leicht genervt, weil ich so lange gebraucht habe.
„Na endlich“, würde sie sagen. „Wo warst du denn?“
Und ich hätte gesagt: „Ach, weißt du. Kind. Leben. Rechnungen. Schulranzen. Irgendwas ist immer.“
Der Plan war jedenfalls: Mit 40 bin ich wieder dran.
Ich hätte einen sicheren Job. Natürlich. Einen richtig guten. Am besten mit Führungsposition, weil ich mir das offenbar so vorgestellt hatte wie in einem Film: Ich in einem schicken Blazer, mit perfekt sitzender Frisur, wichtigem Blick und einem Terminkalender, der zwar voll ist, aber auf eine elegante Art. Nicht voll mit „Milch kaufen“, „Kinderarzt anrufen“ und „Warum klebt da Joghurt an der Wand?“, sondern mit Meetings, Entscheidungen und wahrscheinlich Sätzen wie: „Das müssen wir strategisch denken.“
Ich hätte Geld. Nicht dieses „Ich hoffe, die Waschmaschine hält noch bis nächsten Monat“-Geld, sondern richtiges Erwachsenengeld. Geld, mit dem man spontan Reisen bucht. Wochenendtrips. Konzerte. Restaurants, in denen man nicht vorher auf die Karte schaut, um innerlich zu berechnen, ob man sich noch Nachtisch leisten kann.
Ich würde reisen. Viel.
Ich würde ausgehen.
Ich würde tanzen.
Ich würde das Leben nachholen.
Nachholen. Dieses schöne, kleine, gefährliche Wort.
Als gäbe es irgendwo ein Lager mit all den verpassten Nächten, Reisen, Chancen und Kleidern, in die man irgendwann wieder reinpasst. Als könnte man einfach hingehen, die Tür öffnen und sagen: „So, ich hätte dann gern meine Freiheit zurück. Größe 38, bitte. Und ohne Rückenschmerzen.“
Tja.
Und dann wurde ich 40.
Und dann 41.
Und dann 42.
Und dann dachte das Leben offensichtlich: „Ach guck mal, sie hat Pläne. Wie süß.“

Heute bin ich 45. Die Hälfte meiner 40er habe ich also hinter mir. Was auch so ein Satz ist, den man früher nur von Menschen gehört hat, die beige Funktionsjacken tragen und sehr viel über Blutdruck reden. Und jetzt steht man selbst da und denkt: „Moment mal. Wie bitte? Wer hat das genehmigt?“
Wenn ich heute auf die erste Hälfte meiner 40er schaue, dann muss ich sagen: Es lief alles exakt nach Plan. Nur eben in einem Paralleluniversum.
Ich habe meinen sicheren Job geschmissen.
Ja, genau. Diesen Job, der in meiner Fantasie der Grundstein für Reisen, Freiheit, gute Schuhe und souveräne Lebensführung sein sollte. Weg damit. Einfach raus aus der sicheren Nummer. Weil Sicherheit manchmal auch nur ein anderes Wort für „Ich funktioniere hier noch ein bisschen weiter, bis ich innerlich Tapete werde“ ist.
Ich habe etwas anderes angefangen. Etwas Ruhigeres. Etwas, das weniger nach Karriereleiter klingt und mehr nach Atmen. Weniger nach höher, schneller, weiter. Mehr nach: Ich möchte mich selbst am Ende des Tages noch erkennen.
Und ganz ehrlich? Das war nicht der Plan. Aber es war gut.
Dann kam die Sache mit der Liebe.
Ich war ja fertig damit. Also wirklich. Partnerschaft? Nein danke. Ich hatte mir das sehr erwachsen zurechtgelegt. Ich brauchte niemanden. Ich wollte niemanden. Ich war unabhängig, lebenserfahren, emotional aufgeräumt – zumindest an Tagen, an denen niemand die Spülmaschine falsch eingeräumt hat.
Und dann kam sie zurück: meine erste große Liebe.
Weil das Leben offenbar nicht nur keine To-do-Listen respektiert, sondern auch ein Faible für dramatische Wendungen hat, die man selbst in einer Serie als „ein bisschen zu konstruiert“ abtun würde.
Da stand ich also. Ende 30. Eigentlich durch mit dem Thema. Und plötzlich war da wieder dieses Gefühl, das man irgendwann ordentlich weggepackt hatte. Ganz hinten in eine innere Schublade, beschriftet mit: „War schön, aber bitte nicht mehr anfassen.“
Und was soll ich sagen? Jemand hat die Schublade aufgemacht.
Ich habe nochmal geliebt. Nicht so wie mit 20, als Liebe oft auch bedeutet, dass man sehr viel fühlt und sehr wenig versteht. Sondern anders. Tiefer vielleicht. Ruhiger. Mit mehr Geschichte im Gepäck und weniger Illusionen im Handgepäck.
Und dann, als wäre das nicht schon genug Stoff für eine Midlife-Komödie mit leichtem Nervenzusammenbruch, bin ich nochmal Mama geworden.
Nochmal.
Mit fast 40 (39,5 um genau zu sein).
Ich, die dachte, sie würde jetzt reisen, tanzen, frei sein, vielleicht irgendwo mit einem Glas Wein an einer Promenade sitzen und bedeutungsvoll aufs Meer schauen, stand plötzlich wieder da und wechselte Windeln.
Windeln.
Während andere Frauen in meinem Alter Yoga-Retreats buchen, um ihr inneres Kind zu heilen, hatte ich ein sehr reales Kind, das um drei Uhr morgens sehr reale Bedürfnisse hatte.
Während manche ihr Leben entrümpelten, kaufte ich wieder Feuchttücher in Familienpackungen. Während ich eigentlich dachte, ich hätte die Babyphase für immer abgeschlossen, lernte ich erneut, wie wenig Schlaf ein Mensch offenbar braucht, bevor er anfängt, mit der Kaffeemaschine zu verhandeln.
Und heute?
Heute diskutiere ich über unaufgeräumte Kinderzimmer, woher die Babys kommen, warum wir nicht das 41432ste Plüschtier kaufen und über die große, allumfassende Frage: WARUM?
Warum müssen Zähne geputzt werden? Warum kann man nicht im Elsa-Kleid schlafen, obwohl man darin doch „so gut aussieht“? Warum gibt es keine Schokolade zum Frühstück? Warum muss man aufräumen, wenn man doch morgen sowieso wieder spielt? Warum kann man nicht einfach noch fünf Minuten wach bleiben, wobei fünf Minuten in Kinderzeitrechnung ungefähr der Länge eines skandinavischen Winters entsprechen?
Über Outfits. Über Haare. Über die Frage, warum diese eine Puppe nicht mit dieser anderen Puppe befreundet sein darf. Ich erkläre die Welt. Oder versuche es zumindest. Was absurd ist, denn ich verstehe sie selbst nur ungefähr dienstags zwischen 10 und 11.
Ich beantworte Fragen, auf die ich keine Antwort habe. Ich führe Gespräche, die beginnen mit: „Mama, stell dir mal vor …“ und enden in philosophischen Abgründen über Einhörner, Gerechtigkeit und warum man nicht jeden Tag Nudeln mit Ketchup essen kann.
Ich habe das Reisen gegen Windeln eingetauscht. Die Freiheit gegen Familienlogistik. Das Ausgehen gegen Einschlafbegleitung. Die spontane Wochenendreise gegen die Frage, ob noch genug Glitzersticker da sind.
Und als wäre das alles nicht schon genug körperliche Demütigung durch das Universum, klopfen jetzt auch noch die Wechseljahre an.
Wirklich charmant.
Man ist gerade dabei, sich in diesem neuen Leben einzurichten, da sagt der Körper: „Ach übrigens, ich würde jetzt gern hormonell einmal das gesamte System neu starten. Ohne Vorwarnung. Ohne Bedienungsanleitung. Viel Spaß.“
Die ersten Hitzewallungen sind da. Einfach so. Als hätte jemand im Inneren meines Körpers heimlich eine Sauna eingebaut und den Aufguss vergessen anzukündigen. Man steht irgendwo ganz normal herum, vielleicht im Supermarkt, vielleicht mitten in einem Gespräch, und plötzlich denkt der Körper: „Jetzt. Feuer frei.“
Und dann schwitzt man.
Nicht sportlich. Nicht sexy. Nicht „glow“. Nein. Man schwitzt wie ein defekter Wasserkocher mit emotionaler Vorgeschichte.
Dazu kommt diese wunderbare hormonelle Umstellung, bei der man manchmal nicht genau weiß: Bin ich gerührt? Wütend? Müde? Habe ich Hunger? Oder hasse ich einfach nur Geräusche?
Es ist ein sehr spannender Lebensabschnitt. Spannend im Sinne von: Man möchte gelegentlich in ein Waldstück gehen und dort sehr lange niemandem erklären müssen, warum man gerade weint, weil der Joghurtdeckel eingerissen ist.
Und trotzdem.
Trotz all dem.
Oder vielleicht genau deswegen.
Wenn ich heute auf mein Leben schaue, dann ist es nicht das Leben, das ich mir mit Anfang 20 vorgestellt habe. Es ist nicht schneller geworden. Nicht glamouröser. Nicht freier in dem Sinne, wie ich Freiheit damals verstanden habe.
Es ist ruhiger geworden.
Und das ist vielleicht die größte Überraschung von allen: Dass ruhiger nicht weniger bedeutet.
Früher dachte ich, Freiheit wäre, tun und lassen zu können, was ich will. Reisen, weggehen, spontan sein, niemandem Rechenschaft schulden. Heute denke ich manchmal, Freiheit ist auch, nicht mehr jedem alten Plan hinterherzurennen, nur weil eine jüngere Version von mir ihn mal für brillant hielt.
Vielleicht ist Freiheit auch, einen Job loszulassen, der nach Sicherheit aussah, aber sich nicht mehr richtig angefühlt hat.
Vielleicht ist Freiheit, sich nochmal auf Liebe einzulassen, obwohl man dachte, man sei damit durch.
Vielleicht ist Freiheit, morgens ein kleines Gesicht neben sich zu sehen und zu denken: Das war nicht geplant. Aber verdammt, ist das schön.
Vielleicht ist Freiheit, nicht mehr nachholen zu müssen, was angeblich verpasst wurde.
Denn vielleicht habe ich gar nichts verpasst.
Vielleicht habe ich einfach gelebt.
Nicht perfekt. Nicht nach Plan. Nicht besonders elegant. Manchmal mit Augenringen, manchmal mit Hitzewallung, manchmal mit einer Puppe in der Hand und einem sehr tiefen Bedürfnis nach Stille.
Aber gelebt.
Und wenn ich ehrlich bin: Dieses Leben ist genauso toll, wie ich es mir vorgestellt habe.
Nur völlig anders.
Es hat weniger Champagner auf Dachterrassen und mehr Diskussionen über Schlafenszeiten. Weniger Karriereblazer und mehr bequeme Hosen. Weniger „Ich erobere jetzt die Welt“ und mehr „Ich finde mich in meiner eigenen wieder“.
Und vielleicht ist genau das der Punkt am Leben mit Ü40.
Man hört langsam auf, dem Leben beleidigt vorzuhalten, dass es sich nicht an die Abmachung gehalten hat. Man merkt, dass man selbst diese Abmachung mit einer Version von sich getroffen hat, die noch gar nicht wissen konnte, was alles kommen würde.
Mit 22 dachte ich, ich müsste später wieder dort weitermachen, wo ich aufgehört habe.
Heute denke ich: Gott sei Dank nicht.
Denn dort war ich schon.
Hier bin ich jetzt.
Mit 45. Mit neuen Falten, neuen Fragen, neuer Liebe, einem neuen Leben, alten Erinnerungen, hormonellen Überraschungspartys und einer erstaunlich hohen Toleranz für Kinderlieder, die sich ins Gehirn fräsen wie ein Steuerbescheid.
Und ja, manchmal schaue ich auf dieses Leben und denke: Das war so nicht geplant.
Aber dann schaue ich nochmal hin. Und denke: Zum Glück.





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