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Nähe ist zerbrechlich

Als Kind aus einer suchtbelasteten Familie habe ich früh gelernt, was Verlust bedeutet. Stabilität war selten, niemand konnte garantieren, dass jemand bleibt. Diese Erfahrung prägt bis heute, wie ich Nähe, Vertrauen und Bindung wahrnehme. Wenn ich mich an jemanden binde, hoffe ich, dass er bleibt. Es ist kein krankhaftes Bedürfnis. Es ist ein echtes Verlangen nach Sicherheit. Doch wenn dann Verlust kommt, zerbricht es mich tief, weil mein Nervensystem gelernt hat: Nähe ist zerbrechlich.


Und trotzdem gibt es Momente, in denen Menschen auftauchen, bei denen etwas leiser wird. Momente, in denen man merkt: Vielleicht darf Nähe sich sicher anfühlen. Vielleicht glaubt man, endlich verstanden zu werden, und spürt ein Stück Ruhe. In diesen Momenten scheint es möglich, dass Nähe kein Risiko, sondern ein Zuhause sein kann.


Nähe ist zerbrechlich

Doch wenn diese Nähe wieder verschwindet, wenn sich etwas verändert, merkt man plötzlich, wie schnell ein Mensch wieder zu der Version von sich wird, die nichts erwartet, nichts braucht und am liebsten niemanden zu nah ranlässt. Nicht aus Stärke, eher aus Erfahrung. Weil andere Veränderung sagen, reagiert der Körper sofort auf Verlust.


Objektiv ist vielleicht gar nichts passiert. Menschen sind noch da. Niemand weg. Doch das beruhigende „ist doch nichts passiert”, das andere sagen, funktioniert nur für die, die nie gelernt haben, wie laut kleine Veränderungen werden können, wenn Sicherheit früher eher Zufall war.



Dann ist da dieses Ziehen. Dieses leise, sofort vertraute Gefühl: etwas wegbrechen zu sehen. Nicht unbedingt wegen heute. Eher, weil alte Wege im Körper blitzschnell wieder auftauchen. Das Verrückte ist nicht einmal der Schmerz selbst. Sondern wie schnell der Körper ihn wiedererkennt, wie vertraut er sich anfühlt.


Wie wir darauf reagieren, ist unterschiedlich. Manche ziehen sich zurück, nennen es Stärke, legen Distanz an, um sich zu schützen. Manche werden aktiv, stürzen sich ins Tun, suchen Ablenkung, versuchen Kontrolle zu gewinnen. Ich selbst habe gelernt: ich kann beides. Alles hinschmeißen und verschwinden, oder plötzlich mehr tun, rausgehen, Ablenkung suchen, um nicht im Schmerz steckenzubleiben. Beides kostet Energie. Beides ist nachvollziehbar.


Und trotzdem wagt man es wieder. Man lässt ein Stück Nähe zu, spürt die leise Hoffnung, fühlt die Kraft des bewussten Öffnens, nur um am Ende wieder dazustehen, wo man schon gelernt hatte, dass Nähe zerbrechlich ist. Irgendwann kommt wieder jemand. Das Gehirn hat alles vergessen, und das Herz lässt die Person rein, bevor man überhaupt merkt, dass man die Tür geöffnet hat. Dann denkt man: war dumm von dir, sich sicher zu fühlen.


Vielleicht ist es das nicht. Vielleicht ist nicht das Problem, jemanden reinzulassen. Sondern dass man zu viel gibt, bevor man weiß, ob es sicher ist.





"Nähe ist zerbrechlich"

Wer hats geschrieben?


Jennifer Jenke ist Ehefrau, Mutter eines Sohnes und lebt heute im Münsterland, nachdem sie ursprünglich aus dem Ruhrgebiet kommt. Als Kind aus einer suchtbelasteten Familie schreibt sie über Kindheit, emotionale Vernachlässigung, Bindung, Überlebensstrategien und die oft unsichtbaren Folgen davon, erwachsen werden zu müssen, bevor man überhaupt Kind sein durfte.


Ihre Texte entstehen im Alltag, in der Mutterschaft, in Erinnerungen und in diesem Moment, in dem man merkt, dass vieles, was früher „normal” war, vielleicht nie normal gewesen ist. Dabei geht es ihr nicht darum, perfekt oder geheilt zu wirken, sondern ehrlich zu sein. Roh manchmal. Ironisch. Beobachtend. Und oft näher an Dingen, die viele denken, aber kaum jemand ausspricht.


Jennifer Jenke

Auf Instagram schreibt sie unter dem Namen @wo.efeu.waechst über genau diese Themen.


Persönliche Texte, Symbolik und die Idee, dass selbst an kaputten Orten noch etwas wachsen kann. Gleichzeitig arbeitet sie an einem autobiografischen Roman über Kindheit, Trauma, Liebe und die Frage, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn man lernen musste, zu überleben, bevor man leben durfte.


Vor allem aber ist Jennifer jemand, der versucht, etwas weiterzugeben, das sie selbst lange vermisst hat: emotionale Sicherheit.


Danke, liebe Jenny für deinen Beitrag.

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