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Selbst.bewusst.sein – warum echtes Selbstbewusstsein bei uns selbst beginnt

vor 11 Minuten
6 Min. Lesezeit

Es gibt Worte, die wir so oft benutzen, dass wir irgendwann kaum noch wahrnehmen, was eigentlich alles in ihnen steckt. Selbstbewusstsein ist eines davon, denn meist denken wir dabei an Menschen, die sicher auftreten, ihre Meinung vertreten, ihre Grenzen kennen und sich von anderen nicht so leicht verunsichern lassen. Doch vielleicht lohnt es sich, dieses Wort einmal langsamer zu lesen und ihm wieder ein wenig mehr Raum zu geben.

selbst.bewusst.sein.


Plötzlich klingt es nicht mehr nur nach Stärke oder sicherem Auftreten, sondern nach etwas viel Grundsätzlicherem, denn bevor wir selbstbewusst handeln können, müssen wir uns überhaupt erst unserer selbst bewusst werden. Und vielleicht beginnt genau das nicht mit einer großen Erkenntnis über uns, sondern mit einer viel einfacheren und gleichzeitig anspruchsvolleren Bewegung: nicht immer zuerst nach außen zu schauen.



Ein bild von Anju - selbstbewusst am Tegernsee


Selbstbewusstsein beginnt dort, wo wir wieder selbst entscheiden


In diesem kleinen Wort selbst steckt mehr als nur die eigene Person. Es steckt auch darin, dass wir manches tatsächlich selbst tun müssen. Niemand kann für uns fühlen, niemand kann für uns erkennen, was sich stimmig anfühlt, und niemand kann uns die Verantwortung dafür abnehmen, welchen Weg wir am Ende gehen möchten.


Natürlich dürfen andere Menschen uns begleiten, uns inspirieren, uns einen Rat geben oder uns manchmal sogar auf etwas aufmerksam machen, das wir selbst noch nicht sehen konnten. Aber all diese Stimmen können nur Anregungen sein, denn die eigentliche Antwort entsteht nicht dort draußen, sondern in der Auseinandersetzung mit uns selbst.

Vielleicht suchen wir gerade deshalb so häufig im Außen, weil es zunächst einfacher erscheint. Eine Meinung von außen wirkt oft klarer als das eigene diffuse Gefühl, und eine Empfehlung kann beruhigender sein als die Unsicherheit einer eigenen Entscheidung. Wir fragen andere, was sie tun würden, lesen darüber, wie man „richtig“ lebt, hören Podcasts, speichern Gedanken und vergleichen Erfahrungen, bis wir manchmal kaum noch unterscheiden können, welche dieser Stimmen eigentlich unsere eigene ist.


Dabei ist es nichts Schlechtes, Orientierung zu suchen. Wir Menschen lernen voneinander, wachsen an Begegnungen und brauchen den Blick von außen, um manche Dinge überhaupt erkennen zu können. Problematisch wird es erst dann, wenn wir beginnen, dort etwas zu suchen, das uns niemand geben kann: die endgültige Bestätigung, dass wir richtig sind, dass unsere Entscheidung die richtige ist oder dass unser Weg von allen verstanden werden müsste.


Vielleicht bedeutet selbst deshalb auch, langsam wieder Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zu entwickeln. Nicht in dem Sinne, dass wir immer sofort wissen müssten, was zu tun ist, sondern in dem Wissen, dass wir uns selbst zuhören dürfen, bevor wir jeden anderen um eine Antwort bitten.



Sich selbst bewusst zu werden heißt nicht, auf alles eine Antwort zu haben


Und dann kommt das bewusst.


Bewusst zu sein bedeutet nicht, sich vollständig zu kennen oder jede eigene Reaktion erklären zu können. Es bedeutet auch nicht, ständig über sich nachzudenken und jede Regung in ihre Einzelteile zu zerlegen. Vielmehr beginnt Bewusstsein oft ganz unspektakulär, indem wir bemerken, was in uns geschieht, bevor wir einfach weitermachen wie immer.


Vielleicht stellen wir fest, dass wir schon wieder Ja gesagt haben, obwohl sich innerlich längst ein Nein gezeigt hat, oder dass uns die Meinung eines bestimmten Menschen stärker beschäftigt, als wir eigentlich möchten. Vielleicht merken wir, dass wir uns mit jemandem vergleichen oder dass wir an etwas festhalten, obwohl wir schon lange spüren, dass es nicht mehr zu uns passt.


Solche Momente müssen nicht sofort gelöst werden. Oft reicht es zunächst, sie überhaupt wahrzunehmen. Denn je bewusster wir werden, desto leichter können wir unterscheiden, was wirklich aus uns selbst kommt und was wir über Jahre übernommen haben.


Erwartungen, Rollenbilder und Vorstellungen davon, wie man leben sollte, verschwinden dadurch nicht einfach, aber sie werden sichtbarer. Und sobald etwas sichtbar wird, entsteht überhaupt erst die Möglichkeit zu entscheiden, ob wir es weiterhin mittragen möchten.

Vielleicht ist genau das eine der stillsten Formen von Selbstbewusstsein: nicht gegen alles aufzubegehren, was von außen kommt, sondern immer wieder zu prüfen, ob es wirklich zu uns gehört.



Warum wir uns so oft im Außen suchen


Das Außen darf wichtig bleiben. Beziehungen, Freundschaften und Begegnungen geben unserem Leben Tiefe, und manchmal brauchen wir einen Menschen, der uns etwas spiegelt, weil wir selbst zu nah daran stehen.


Selbstbewusstsein bedeutet deshalb nicht, unabhängig von allen anderen zu werden oder zu glauben, man müsse alles alleine schaffen. Es bedeutet vielmehr, sich inmitten all dieser Stimmen nicht selbst zu verlieren.


Denn es gibt einen Unterschied zwischen Unterstützung und Abhängigkeit, zwischen Inspiration und Vergleich und zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Bedürfnis, sich über den Blick eines anderen definieren zu lassen.


Gerade dieser Unterschied ist nicht immer leicht zu erkennen. Manchmal fühlt sich die Suche nach Bestätigung zunächst wie Orientierung an. Wir fragen, vergleichen und prüfen so lange, bis wir hoffen, dass irgendwo eine Antwort auftaucht, die uns endlich die Unsicherheit nimmt.


Doch vielleicht ist genau diese Unsicherheit nicht immer das Problem, das gelöst werden muss. Vielleicht gehört sie manchmal einfach zu einer Entscheidung dazu.


Denn nicht jede richtige Entscheidung fühlt sich von Anfang an sicher an, und nicht jede Unsicherheit bedeutet, dass wir auf dem falschen Weg sind.



Selbstbewusst leben heißt, der eigenen Wahrnehmung wieder zu vertrauen


Vertrauen in sich selbst bedeutet nicht, sich nie zu irren. Im Gegenteil, vielleicht entsteht echtes Selbstvertrauen gerade dadurch, dass wir wissen, dass wir Entscheidungen korrigieren dürfen.


Wir müssen nicht alles im Voraus richtig einschätzen, um uns selbst ernst nehmen zu können. Wir dürfen ausprobieren, neu bewerten, unsere Meinung ändern und feststellen, dass etwas doch nicht zu uns passt.


Der Unterschied liegt vielleicht darin, ob wir uns dabei selbst begleiten oder ob wir uns bei jedem Zweifel sofort wieder nach außen wenden und hoffen, dass jemand anderes die Verantwortung übernimmt.


Selbstbewusst zu leben bedeutet deshalb nicht, immer sicher zu sein. Es bedeutet eher, die eigene Wahrnehmung nicht sofort infrage zu stellen, nur weil jemand anderes anders denkt.

Andere dürfen andere Entscheidungen treffen. Andere dürfen unser Verhalten nicht verstehen. Andere dürfen sogar finden, dass unser Weg nicht der richtige ist.


Das alles verändert nicht automatisch das, was für uns stimmig sein kann.



Sein dürfen, ohne ständig an sich arbeiten zu müssen


Und dann bleibt noch das letzte Wort: sein.


Vielleicht ist es gerade heute der Teil, den wir am leichtesten übersehen, weil so vieles darauf ausgerichtet ist, dass wir uns ständig weiterentwickeln sollen. Wir sollen wachsen, alte Muster auflösen, bessere Routinen entwickeln, gesünder leben, bewusster werden und möglichst irgendwann bei einer optimierten Version unserer selbst ankommen.


Entwicklung kann etwas sehr Schönes sein, solange sie nicht zu dem Gefühl führt, dass wir erst noch jemand anderes werden müssten, um richtig zu sein.


Sich selbst bewusst zu sein kann deshalb auch bedeuten, sich nicht ausschließlich als Projekt zu betrachten. Wir dürfen lernen, wachsen und uns verändern, ohne dabei das Gefühl zu haben, das heutige Ich sei nur ein unvollständiger Entwurf für morgen.


Wir dürfen uns selbst begegnen, auch wenn noch nicht alles geklärt ist, und wir dürfen Entscheidungen treffen, obwohl wir nicht wissen, wohin sie langfristig führen werden.


Vielleicht ist genau darin das sein verborgen: nicht stehenzubleiben, sondern dem eigenen Leben zu erlauben, auch dann schon vollständig zu sein, wenn noch vieles in Bewegung ist.



Echtes Selbstbewusstsein muss nicht laut sein


Vielleicht müssen wir deshalb auch unser Bild von Selbstbewusstsein ein wenig verändern.

Selbstbewusstsein zeigt sich nicht unbedingt darin, besonders souverän aufzutreten oder niemals zu zweifeln. Es kann sich genauso darin zeigen, trotz Unsicherheit bei sich zu bleiben, eine Meinung ändern zu dürfen, weil man etwas Neues erkannt hat, oder um Hilfe bitten zu können, ohne die Verantwortung abzugeben.


Ein selbstbewusster Mensch muss nicht immer wissen, wohin es geht. Vielleicht reicht es, darauf zu vertrauen, dass er sich auch dann wiederfindet, wenn der Weg zwischendurch unklar wird.


Und möglicherweise liegt gerade darin viel mehr Stärke als in der Vorstellung, immer eine fertige Antwort haben zu müssen.



Nicht jede Antwort liegt im Außen


Wir leben in einer Zeit, in der Antworten überall verfügbar sind. Zu fast jeder Frage gibt es jemanden, der eine Methode, eine Anleitung oder zumindest eine ziemlich überzeugende Meinung dazu hat.


Manchmal brauchen wir genau das.


Aber manchmal brauchen wir etwas anderes: ein wenig Abstand von der nächsten Meinung, vom nächsten Vergleich und von der nächsten vermeintlich perfekten Lösung. Nicht, weil all das wertlos wäre, sondern weil zu viel Input irgendwann auch die eigene Stimme überdecken kann. Dann kann es gut tun, einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen, was eigentlich übrig bleibt, wenn für einen Moment niemand anderes antwortet.


Was denke ich selbst darüber? Was fühlt sich für mich stimmig an? Was würde ich wählen, wenn ich nicht zuerst darüber nachdenken müsste, wie es von außen aussieht?


Die Antworten darauf müssen weder sofort kommen noch besonders eindeutig sein. Manches braucht Zeit, Erfahrung und einige Umwege, bevor wir verstehen, was wirklich zu uns gehört.


Doch vielleicht liegt gerade darin etwas sehr Beruhigendes, denn wenn wir nicht jede Antwort im Außen finden müssen, dürfen wir aufhören, uns ununterbrochen dort zu suchen.



selbst.bewusst.sein bedeutet, immer wieder zu sich zurückzufinden


Wir können uns Rat holen und trotzdem selbst entscheiden. Wir können anderen vertrauen und trotzdem unserer eigenen Wahrnehmung Raum geben. Wir können uns verändern, ohne dabei ständig jemand anderes werden zu wollen.


selbst.bewusst.sein bedeutet dann vielleicht nicht, vollkommen sicher durchs Leben zu gehen, sondern immer wieder zu sich zurückzufinden, auch wenn es draußen laut ist, auch wenn andere etwas anderes wählen würden und auch dann, wenn die eigene Antwort noch nicht ganz fertig ist.


Denn am Ende geht es womöglich weniger darum, sich selbst ein für alle Mal gefunden zu haben, als darum, sich nicht ständig dort zu suchen, wo man gar nicht sein kann.

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