Wenn sich der Nebel lichtet
- Anju || Still.Leben

- vor 16 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Ein Beitrag über Klarheit und Erkenntnis
Der Moment, in dem mir alles klar wurde, kam nicht plötzlich. Er kam langsam. So, wie der Nebel hier am Tegernsee an manchen Wintermorgen aus dem Tal weicht.
Ich stand früh morgens am Seeufer, der See lag still, fast reglos vor mir. Die Luft war kalt, klar, und doch war da dieser dichte Schleier über dem Wasser. Die andere Uferseite war nur zu erahnen – Konturen ohne Details, Formen ohne Tiefe. Ich kenne diesen Anblick gut. Und ich weiß: Der Nebel verschwindet nicht auf einmal. Er gibt den Blick frei, Stück für Stück.
Genau so fühlte es sich in mir an.

Wenn sich der Nebel lichtet - Das langsame Freigeben der Sicht
Während ich hinsah, wie sich der Nebel über dem See langsam hob, wurde mir bewusst, dass ich mich selbst schon lange nur noch schemenhaft wahrnahm. Ich war da, funktionierend, anwesend, zuverlässig – aber nicht wirklich sichtbar für mich selbst.
So wie das andere Ufer. Ich wusste, es existiert. Ich wusste, wie es aussieht. Aber ich sah es nicht mehr klar.
Der Alltag hatte sich darübergelegt. Termine, Erwartungen, eigene Ansprüche. Alles nicht dramatisch, alles für sich genommen machbar. Aber zusammen ergab es diesen dichten Nebel, der mir die Sicht nahm – auf mich, auf meine Grenzen, auf das, was mir eigentlich wichtig ist.
Die Kälte der Klarheit
Als der Nebel sich weiter lichtete, zeigte sich das gegenüberliegende Ufer. Häuser, Bäume, Linien. Alles war plötzlich wieder da. Und genau in diesem Moment traf mich eine nüchterne Erkenntnis: Wenn ich so weitermache, ertrinke ich nicht spektakulär. Ich verschwinde leise.
Nicht, weil das Leben zu viel ist. Sondern weil ich mich selbst zu oft übergehe.
Ich hatte mir angewöhnt, alles auszuhalten. Dinge schönzureden. Zu warten, dass es „bald ruhiger“ wird. Und währenddessen hielt ich die Luft an – Tag für Tag ein bisschen mehr.
Nicht das Außen war das Problem
Der Blick über den See half mir, etwas Entscheidendes zu verstehen: Der Nebel kam nicht von außen. Er entstand aus der Kälte, aus der Stagnation, aus dem Stillstehen.
So war es auch in mir. Nicht die Umstände allein hatten mich erschöpft, sondern meine Haltung dazu. Mein ständiges Funktionieren. Mein inneres „Das schaffe ich schon“. Mein Nein, das zu oft ein Ja wurde.
Ich hatte mich angepasst, optimiert, durchgezogen – und dabei übersehen, dass Anpassung ohne Selbstkontakt irgendwann zur Selbstaufgabe wird.
Klarheit ist kein Aufbruch, sondern ein Innehalten
Als der Nebel sich fast vollständig verzogen hatte, lag der See ruhig vor mir. Kein dramatischer Sonnenaufgang. Kein Pathos. Nur Klarheit.
Und genau das war auch mein innerer Zustand: keine Euphorie, kein Aktionismus. Sondern eine stille, klare Entscheidung. So kann es nicht weitergehen.
Ich musste nicht sofort alles ändern. Ich musste nicht wissen, wie der Weg aussieht. Aber ich musste anerkennen, dass mein bisheriges Tempo, meine bisherigen Muster, mich langsam unter Wasser zogen.
Das andere Ufer wieder sehen
Vielleicht ist das der eigentliche Wert solcher Momente: Sie fordern keine sofortige Lösung. Sie verlangen nur Ehrlichkeit.
Der Nebel lichtet sich nicht, weil wir ihn vertreiben. Er lichtet sich, weil sich etwas verändert – Temperatur, Bewegung, Zeit.
Auch in mir begann sich etwas zu bewegen. Langsam. Vorsichtig. Ohne Druck. Ich begann wieder zu sehen, was da ist: meine Bedürfnisse, meine Grenzen, meine Sehnsucht nach Weite.
Und vielleicht ist genau das genug für den Anfang.
So wie am Tegernsee an einem kalten Wintermorgen: Man sieht das andere Ufer wieder. Nicht, um sofort dorthin zu gehen – sondern um sich zu erinnern, dass es da ist...








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