Rauchen, Stress und Cortisol
- Anju || Still.Leben

- vor 19 Minuten
- 3 Min. Lesezeit
Warum die Zigarette für mich nie nur Nikotin war
Ich war schon immer Raucherin. Nicht die „mal eine Zigarette am Abend“-Raucherin, sondern die, für die Rauchen ein fester Bestandteil des Alltags war. Eine Pause. Ein Rückzugsort. Eine Flucht aus Arbeitsstress, Verantwortung und Daueransprechbarkeit.
Und rückblickend muss ich sagen: Die Zigarette war für mich nie das Problem. Sie war das Symptom.
Die Raucherpause – der letzte echte Rückzugsort im Arbeitsalltag
Es gab bei uns im Unternehmen einen festen Raucherplatz. Ein kleiner Platz am Rand des Firmengeländes. Nichts Besonderes – aber er hatte eine magische Eigenschaft: Dort kam niemand mit Problemen.
Niemand zog sich extra um und lief über das Gelände zur Raucherpause, um mir noch schnell ein Thema auf den Tisch zu legen. Ganz im Gegensatz zum Aufenthaltsraum. Ich saß dort beim Essen, offiziell Pause, theoretisch erreichbar – und praktisch kamen trotzdem alle. Fragen. Themen. Probleme. Entscheidungen.
Die Raucherpause war anders. Jacke anziehen. Rausgehen. Abstand. Schon dieser Weg nach draußen war wie ein innerer Cut.
Damals dachte ich: Klar, logisch – ich bin einfach räumlich weg vom Stress.
Heute weiß ich: Das war nur die halbe Wahrheit.

Warum Rauchen sich so stressreduzierend anfühlt
Vor ein paar Monaten habe ich einen Blogbeitrag über Cortisol, unser Stresshormon, geschrieben (auch wenn ich Ihn erst später veröffentlich habe). Und genau dabei fiel mir plötzlich etwas auf, das mir vorher nie bewusst gewesen war.
Beim Rauchen passiert nämlich etwas sehr Spezifisches – völlig unabhängig vom Nikotin:
langes Einatmen
kurzes Atemanhalten
noch längeres Ausatmen
Exakt das, was man in jeder Atemtechnik zur Cortisol-Senkung empfiehlt.
Das ist kein Zufall.
Unser Nervensystem reagiert extrem sensibel auf die Atmung. Vor allem das lange Ausatmen aktiviert den parasympathischen Nerv – also den Teil, der für Entspannung, Sicherheit und Runterfahren zuständig ist.
Ich dachte immer, ich rauche, um Stress abzubauen. In Wahrheit habe ich "geatmet".
Die Erkenntnis, die alles verändert hat
Und dann begann etwas ziemlich Faszinierendes: Ich beschloss, ein Experiment zu starten. Nicht mit Willenskraft. Nicht mit Verboten. Nicht mit Ersatzprodukten.
Sondern mit Beobachtung.
Jedes Mal, wenn ich Lust auf eine Zigarette hatte, habe ich das komplette Ritual beibehalten:
Jacke anziehen, Schuhe wechseln
rausgehen
zum Raucherplatz laufen (oder daheim auf den Balkon gehen)
stehen bleiben
Nur eines habe ich weggelassen: die Zigarette.
Stattdessen habe ich genau so geatmet, wie ich es beim Rauchen getan hätte. Eine „Zigarettenlänge“. Lang ein. Kurz halten. Noch länger aus.
Und soll ich euch etwas sagen?
Die Wirkung war identisch. Kein Witz. Kein Placebo.K ein „Ich rede mir das schön“.
Die innere Entspannung war die gleiche. Der Stress ließ nach. Der Druck ging runter. Der Kopf wurde klarer. Und mit dieser Erkenntnis passierte etwas völlig Unerwartetes:
👉 Seit diesem Tag habe ich keine einzige Zigarette mehr geraucht.
Nicht, weil ich „aufgehört habe“. Sondern weil ich verstanden habe, was ich eigentlich gesucht habe. Die Erkenntnis des Zusammenhangs von Rauchen, Stress und Cortisol hat es mir ganz leicht gemacht...
Rauchen war für mich Stressregulation – keine Suchtgeschichte
Das ist mir wichtig zu sagen: Ich glaube nicht, dass jede Rauchgeschichte gleich ist.
Aber meine hatte weniger mit Nikotin zu tun als mit Stressbewältigung.
Die Zigarette war mein Werkzeug, um:
Abstand zu bekommen
nicht erreichbar zu sein
bewusst zu atmen
mein Cortisol zu senken
Als ich all das behalten habe – nur ohne Rauch – war sie plötzlich überflüssig.
Was ich heute anders sehe
Heute weiß ich: Viele „Laster“ sind eigentlich fehlende Regulation.
Nicht mangelnde Disziplin. Nicht Willensschwäche. Nicht Charakterfrage.
Sondern ein Nervensystem, das dringend Entlastung sucht.
Und manchmal reicht es, das Bedürfnis hinter dem Verhalten zu verstehen, statt das Verhalten zu bekämpfen. Für mich war es der Atem – und der Raum dazwischen.
Rauchen, Stress und Cortisol - Wenn du dich hier wiedererkennst
Vielleicht ist deine Zigarette auch weniger Sucht als Schutz. Vielleicht ist es bei dir etwas anderes. Aber vielleicht lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was dein Körper wirklich braucht.
Nicht alles, was wir loswerden wollen, muss bekämpft werden.
Manches will einfach verstanden werden.








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